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Wilde Pferde zwischen Neid und Mitleid

May 20, 2012

von Sven-Eric Kanzler; Recherche: Mannfred Goldbeck & Telané Greyling

Erbarmungslos brennt die Sonne auf das öde Land. Felsen, Geröll, Sand. Hier und da ein vertrockneter Strauch oder ein gelbes Grasbüschel. Die Hitze füllt die ausholenden Senken mit flüssiger Luft. In der flirrenden Fläche schwimmen Schatten, nehmen allmählich Konturen an. Ein Hengst mit Stute und Fohlen. Mühsam setzen die Tiere Huf vor Huf. Weit ist der Weg zwischen Weide und Wasserstelle. Mit jedem Tag ohne Regen wird er weiter, wird das Gras spärlicher. Es muss schon lange her sein, seit es das letzte Mal geregnet hat: Scharf zeichnen sich die Rippen der Pferde unter dem Fell ab.

Die Wilden Pferde, die im Südwesten Namibias am Rande der Namib Wüste leben, führen ein hartes Leben. Im Schnitt fallen knapp 100 mm Regen pro Jahr – gerade genug für Sukkulenten, dornige Sträucher und Gräser. Normalerweise finden die Pferde genug Weide. Aber ab und zu gibt es Dürrejahre. Dann wird die Nahrung knapp und schwächere Tiere sterben. Wie 1991/92 oder 1998/99. In beiden Fällen sorgt das Leiden der Pferde für Schlagzeilen und Hilfsaktionen. Großmütter plündern ihren Sparstrumpf, Mädchen schlachten ihr Sparschwein, damit die Pferde gefüttert oder gefangen und auf Farmen gebracht werden können. Gespendet wird mit einer Bereitschaft, von der manche Hilfsorganisation für notleidende Menschen nur träumen kann.

Warum berührt das Schicksal der Wilden Pferde den Menschen aus tiefstem Herzen? Was fasziniert uns an diesen Pferden?

Geheimnisumwitterte Herkunft

Ein Grund liegt sicherlich im Geheimnis um ihre Herkunft. Im Südlichen Afrika hat es ursprünglich zwar Zebras und (die vom Menschen ausgerotteten) Quaggas, aber keine Pferde gegeben. Sie wurden von Europäern importiert: Ab dem 17. Jahrhundert von Holländern und Briten, die Südafrika vom Kap aus besiedelten; gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch von Deutschen, die sich im Gebiet des heutigen Namibia niederließen. Bei den Wilden Pferden der Namib handelt es sich also um Nachkommen domestizierter Pferde, die ähnlich wie die Mustangs Nordamerikas verwildert sind. Sie leben seit Jahrzehnten in der Nähe die Wasserstelle bei Garub etwa 20 km westlich von Aus, die sie mangels anderen Oberflächenwassers regelmäßig aufsuchen müssen. Die Tränke ist ein Überbleibsel einer Pumpstation für die Dampfloks der nahe gelegenen Eisenbahnlinie und wurde später extra für sie eingerichtet und erhalten.

Wie aber haben sich domestizierte Pferde in diese Gegend verirrt? Und wie kam es, dass sie verwilderten? Bis heute gab es viele Spekulationen, aber keine wirklich befriedigenden Antworten. Vielleicht auch deshalb, weil das Ungeklärte, Geheimnisvolle reizvoller ist als die nüchterne Wahrheit. Wer das Geheimnis lüftet, mag als Spielverderber gelten. Dennoch soll den Spekulationen an dieser Stelle ein Ende gesetzt werden.

Einer häufig gehörten und gelesenen Erklärung zufolge ist ein Frachter mit Pferden und anderen Nutztieren an der Skelettküste gestrandet; danach habe man die Tiere am Strand herum laufen sehen. Allerdings hat sich die Havarie Ende des 19. Jahrhunderts etwa 25 km südlich der Oranjemündung zugetragen, also rund 200 km von Garub entfernt. Dass die Pferde den Oranje überquert und dann durch den Wüstengürtel gezogen sein sollen, will nicht recht überzeugen.

Mythos von Duwisib

Eine weitere Spekulation verbindet die Herkunft der Wilden Pferde mit dem Schicksal des exzentrischen Barons Hansheinrich von Wolf: Anfang des 20. Jahrhunderts hat von Wolf etwa 250 km nordöstlich von Garub auf seiner Farm Duwisib Pferde für die deutsche Schutztruppe gezüchtet (heute ist Schloss Duwisib eine Touristenattraktion). Nach seinem Tod während des Ersten Weltkrieges in Europa sollen viele Pferde auf Duwisib frei gelassen oder entlaufen sein. Doch die Farm war keineswegs herrenlos, sondern lag in den Händen eines Farmverwalters. Und den Büchern zufolge sind bis Ende der Dreißiger Jahre keine Pferde verloren gegangen, während bereits in den Zwanziger Jahren über die Wilden Pferde bei Garub berichtet wird.

Gegen beide Erklärungsversuche spricht zudem, dass Pferde in der Regel nicht umherziehen, sondern in dem Gebiet bleiben, das sie kennen. Das legt den Schluss nahe, dass die Wilden Pferde von Tieren abstammen, die in der Nähe von Garub und Aus verloren gingen. Wer könnte hier Pferde verloren haben? Durch dieses Gebiet sind Gruppen des Nama-Volkes gezogen, europäische Händler, Missionare, Transportfahrer, Prospektoren, deutsche Farmer und Soldaten der Schutztruppe. Allerdings können einzelne entlaufene Pferde kaum den Grundstock zu der heute bestehenden Herde gelegt haben. Zahl der Pferde und Vielfalt der Merkmale lassen vielmehr auf eine größere Ursprungsgruppe schließen.

Die deutsche Schutztruppe, so ein weiterer Erklärungsversuch, habe während des Ersten Weltkriegs auf ihrem Rückzug vor den südafrikanischen Truppen Pferde zurückgelassen. In deutschen Militärberichten aus jener Zeit ist allerdings von einem weitgehend geordneten Rückzug die Rede.

Jedoch findet sich in diesen Berichten ein Hinweis auf die tatsächliche Herkunft der Wilden Pferde: Im März 1915 hatten 10.000 südafrikanische Soldaten mit 6.000 Pferden bei Garub ihr Lager aufgeschlagen…

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